Donnerstag, 7. August 2014

Kriegsverbrecherjagd im Ausseerland: Hätte Adolf Eichmann schon 1949 verhaftet werden können?

Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und als Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) zentral mitverantwortlich für den Holocaust, wurde 1960 vom Mossad in Argentinien entführt. wurde Nach einem aufwendigen Prozess in Jerusalem wurde er zum Tode verurteilt und 1962 hingerichtet.

Eichmann während des Prozesses 1961 (Quelle: Wikimedia Commons)
Eichmann war im Frühjahr 1945 untergetaucht – über seinen Verbleib kursierten die wildesten Gerüchte. 1949 wurde „Nazijäger“ Simon Wiesenthal über Erkenntnisse informiert, wonach Eichmann seiner in Altaussee lebenden Familie rund um Silvester einen Besucht abstatten wollte. Wiesenthal legte sich daraufhin mit sieben Gendarmen auf die Lauer. Ein junger Mitarbeiter aus Israel, der ihn begleitete, soll sich allerdings „verplappert“ haben. Die Nachricht, dass Israelis in Aussee waren, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Eichmann soll so gewarnt worden sein und konnte entkommen.


Altaussee: 1945 ein Fluchtpunkt der NS-Elite (alle Fotos: Autor)
In seinem Buch „Doch die Mörder leben“ (1967) schilderte Wiesenthal die dramatischen Stunden so: „Am 20. Dezember 1949 besuchte mich im Linzer Dokumentationszentrum ein hoher österreichischer Polizeibeamter und schlug mir vor, unsere Akten über Eichmann miteinander zu vergleichen. Die Österreicher waren der Ansicht, dass Eichmann sich in der Umgebung des Dorfes Grundlsee versteckt hielt, ungefähr drei Kilometer von Altaus-See entfernt. In Grundlsee, am Ufer des sechs Kilometer langen gleichnamigen Sees gelegen, gibt es ein paar einsame Häuser. Ich erzählte dem Beamten, dass vor einigen Monaten einer meiner Männer in Altaussee einen schwarzen Mercedes mit einer oberösterreichischen Zulassungsnummer entdeckt hatte, der aus der Richtung Grundlsee kam und für wenige Minuten vor dem Haus Fischerndorf Nr. 8 hielt, wo Frau Eichmann wohnte. […] Am nächsten Tag kam der Beamte wieder. Die Polizei hatte in Erfahrung gebracht, dass Eichmann beabsichtigte, Silvester bei seiner Familie in Altaussee zu verbringen. Während seiner Anwesenheit sollte das Haus durchsucht werden. Man legte mir nahe, an der Aktion teilzunehmen. Der Plan musste strikt geheim bleiben. Silvester ist mein Geburtstag. Ich konnte mir kein schöneres Geburtstagsgeschenk vorstellen als Eichmanns Verhaftung. Damals war ein junger Israeli eifriger Besucher unseres Dokumentationszentrums. Er war erfüllt von jener lodernden Begeisterung, wie man sie von den Bürgern einer noch jungen Nation kennt; die Arbeit des Dokumentationszentrums, besonders im Falle Eichmann, faszinierte ihn. Ich erzählte ihm – dummerweise, wie mir heute klar ist –, dass wir Eichmann wahrscheinlich bald fassen würden. Als er erfuhr, dass ich nach Altaussee wollte, wo Frau Eichmann wohnte, bat er mich, ihn mitzunehmen. ‚Zwei starke Arme mehr sind manchmal ganz nützlich‘, meinte er.


Fischerndorf Nr. 8, Altaussee
Am 28. Dezember fuhren wir. Im Hotel "Erzherzog Johann" in Bad Aussee, drei Kilometer von Altaussee entfernt, nahmen wir Zimmer. Die Polizei hatte sechs Kriminalbeamte in den verschiedenen Wirtschaften postiert. Ich warnte den jungen Israeli, zu viel herumzuspazieren; vor allem solle er mit niemandem sprechen. Dass er noch am gleichen Abend in ein Nachtlokal ging, wusste ich nicht. Es gefiel ihm dort gut, und er erzählte den Mädchen, er komme aus Israel, was einigen Eindruck machte. Denn niemand in Bad Aussee hatte bisher einen Israeli gesehen.


Hotel "Erzherzog Johann" in Bad Aussee heute 
Am Morgen des 31. Dezember traf ich mich mit dem zuständigen Polizeioffizier. Um neun Uhr abends sollten seine Männer auf ihren Posten sein. Die Straße von Grundlsee nach Altaussee und das Haus, in dem Frau Eichmann wohnte, standen bereits unter Bewachung. Wieder im Hotel, befahl ich dem jungen Israeli, sein Zimmer nicht vor Mitternacht zu verlassen. Ich würde es ihn wissen lassen wenn ich gute Nachricht hätte. Um neun Uhr schloss ich mich dem Polizeioffizier und einem weiteren Mann an. In allen Wirtschaften und in vielen Häusern wurde Silvester gefeiert – allenthalben hörte man Stimmen, Musik und lautes Gelächter. Der Kriminalbeamte ging an ein Telefon, wählte die Nummer von Fischerndorf Nr. 8 und fragte nach Frau Liebl. Nach einer Weile sagte eine Frauenstimme: ‚Bist du das? Kommst du wirklich heute Abend?‘ Leise legte der Beamte den Hörer wieder auf. Wir sahen uns an. Frau Eichmann erwartete also jemanden. Nun, wir wollten ihm einen gebührenden Empfang bereiten. Um zehn Uhr begleitete ich den Polizeioffizier auf seiner Runde. Wir kontrollierten alle Kriminalbeamten auf ihren Posten und warfen auch einen Blick in die Wirtschaften am Wege. Es war sehr kalt, wir fröstelten. Um eine Tasse heißen Tee zu trinken, gingen wir zurück ins Hotel "Erzherzog Johann". Ich öffnete die Tür zum Restaurant und blieb wie angewurzelt stehen: An einem großen Tisch saß der Israeli mit einigen Leuten aus dem Ort beim Wein und redete von den Heldentaten der israelischen Armee. Der Polizeioffizier war verärgert. ‚Ich mag das gar nicht. Wenn es sich herumspricht, dass ein junger. Israeli im Ort ist, wäre es möglich …‘ ‚Es ist ja schon nach zehn Uhr‘, sagte ich. ‚Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.‘ ‚Hoffentlich!‘ erwiderte er kurz angebunden. Eine halbe Stunde später gingen wir wieder. Als wir beim nächsten Wirtshaus vorbeikamen, meldete der dort postierte Kriminalbeamte, daß man sich über den Israeli unterhalte, der nach Bad Aussee gekommen sei. Beim nächsten Gasthaus war es dann schon eine ganze Gruppe von Israelis, die angekommen waren. Der Polizeioffizier blickte mich schweigend an. Ich verfluchte mich selbst.

Elf Uhr. Wenn Eichmann um Mitternacht bei seiner Familie sein wollte, musste er Grundlsee bald verlassen. Wir warteten weitere zwanzig Minuten, die uns wie zwanzig Jahre vorkamen. Keiner sprach. Um halb zwölf kam eilig ein Kriminalbeamter von Grundlsee her und sagte irgendetwas zu dem Offizier. Der sah mich an. ‚Ich fürchte, es ist alles aus. Eichmann scheint gewarnt worden zu sein.‘ Er ließ den Kriminalbeamten seine Meldung wiederholen: ‚Um halb zwölf tauchten zwei Männer auf der Straße von Grundlsee auf. Es war ziemlich finster, aber ich konnte sie gegen den hellen Hintergrund des Schnees erkennen. Sie waren etwa 150 Meter von mir entfernt -- ich stand hinter den Bäumen an der Straße versteckt. Plötzlich kam ein anderer Mann aus der Richtung von Grundlsee und rief ihnen etwas zu. Sie blieben stehen, sprachen mit ihm, und gleich darauf rannten alle drei zurück.‘ […] Zehn Minuten nach Mitternacht kamen wir nach Bad Aussee zurück. Die Straßen waren voller lärmender Menschen. Ich ging in mein Zimmer und legte mich aufs Bett, ohne mich auszuziehen. Mir war sehr elend. Eine Woche darauf informierte mich der Polizeioffizier, daß man die Suche aufgegeben habe. Berichten zufolge war Adolf Eichmann aus der Gegend um Aussee verschwunden.“


Altaussee zu Füßen des Loser 
Einer der Beamten, die mit Wiesenthal damals nach Eichmann fahndeten, war der spätere Kriminaloberst Leo Frank Maier. In seinem Buch „Geständnis. Das Leben eines Polizisten“ (1993) stellte er die Ereignisse im Unterschied zu Wiesenthal betont nüchtern dar: „Kurz vor Weihnachten ruft mich der Sicherheitsdirektor wieder. Ich soll mit einem Kollegen nach Altaussee fahren. Es lebt dort eine Frau Vera Liebl mit Kind, sie ist die Gattin eines gesuchten Kriegsverbrechers, Adolf Eichmann. Ich höre den Namen zum ersten Mal. Unser Chef meint, dass der Eichmann eventuell zu Weihnachten seine Familie besuchen könnte, dann sollten wir ihn festnehmen. Die Wahl fiel auf uns, weil wir die jüngsten waren, keine Familien hatten. Die Älteren wollten halt lieber das Fest daheim verbringen. Wir fuhren ins Ausseerland. Langwierige Angelegenheit. Von Eichmann keine Spur, die Feiertage vergehen. Wir sollen übers Neujahr bleiben, das macht uns grantig. […] Der Bub des Eichmann, damals etwa sechs Jahre alt, geht an einem Feiertag zur Kirche. ‚Na Burschi‘, rede ich ihn an, ‚gehst in die Kirche?‘ Er antwortet brav. ‚Und deine Mutti?,‘ frage ich. ‚Geht die nicht?‘ ‚Die muss kochen, hat keine Zeit‘, erklärt er mir. ‚Na und dein Vati?‘, bohre ich weiter. ‚Der ist weit weg, über dem Meer. Aber wir fahren bald zu ihm. Dort darf ich dann Pony reiten‘, plaudert der Bub. Ich telefoniere mit dem Sicherheitsdirektor. Von dem Buben berichte ich nichts, sage lediglich allgemein, dass ‚nach allen unseren Ermittlungen dieser Adolf Eichmann bereits in Südamerika ist und seine Familie bald nachfahren wird‘. Wir dürfen heimfahren, der Zweck ist erreicht, und wir feiern Silvester in Linz.“

So wie Wiesenthal das Geschehene ausschmückte, stimmen auch wichtige Details in Maiers Version so nicht: Eichmann hatte sich zunächst in der norddeutschen Lüneburger Heide verborgen und schaffte es erst 1950 mit Unterstützung deutsch-katholischer Kreise nach Argentinien zu fliehen. Wiesenthal erhielt erst am 1. Jänner 1953 von seinem Kontaktmann in Altaussee, Valentin Tarra, die entscheidende Meldung: „Wie ich vor einer Stunde erfahren habe, soll Veronika Liebl-Eichmann mit ihren Kindern im Juli 1952 tatsächlich nach Südamerika ausgewandert sein.“ Weitere Nachforschungen Wiesenthal ergaben dann, dass sich Eichmann in Argentinien befand. „Das war der größte Coup seines Lebens, die erste echte Information über das Land, in dem Eichmann untergetaucht war“, streicht Wiesenthal-Biograf Tom Segev heraus.


Blaa Alm (nahe Altaussee): Hier verlor sich 1945 Eichmanns Spur
Neue Details zu den vorangegangen Fahndungsanstrengungen in Altaussee wurden 2011 bekannt: Demnach wartete auf dem Flugplatz Salzburg bereits eine gecharterte Maschine, um Eichmann nach Israel zu bringen. Die Verhaftung sollten Angehörige der österreichischen Sicherheitspolizei übernehmen. Israels Konsul in Wien übergab einem leitenden Beamten 50.000 Schilling für die Fahndung und setzte eine Million Schilling auf das Ergreifen des ehemaligen SS-Obersturmbannführers aus. Dies ging aus freigegeben Akten der Organisation Gehlen hervor (Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes). Der ursprüngliche Hinweis auf Eichmanns angebliche Familienvisite stammte von Josef Adolf Urban, einem früheren SS-Geheimdienstoffizier, der nach 1945 westlichen Diensten Informationen verkaufte, die sich größtenteils als Falschmeldungen herausstellten.


Villa Kerry, Altaussee: 1945 versteckte sich hier kurzfristig der Chef des Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts, Ernst Kaltenbrunner
Exkurs: Österreich und der Eichmann-Prozess – neues Dokument
Als am 22. März 1962 vor dem Obersten israelischen Gerichtshof in Jerusalem die Berufung über das Urteil gegen Eichmann begann, waren wie schon während des Prozesses zwei österreichische Vertreter (einer war Leo Frank Meier) anwesend. Am 9. Jänner 1962 wurde eine mit „streng vertraulich“ gekennzeichnete „Information“ über die vorangegangene 2. Etappe des Prozesses, an das österreichische Außenministerium weitergeleitet. Darin wird die widersprüchliche Haltung Österreichs zum Eichmann-Prozess deutlich: Die Nachkriegsdemokratie betrachtete sich zu dieser Zeit als „erstes Opfer“ des Dritten Reichs und man bemühte sich nachzuweisen, dass Eichmann Deutscher war (tatsächlich war dieser formal kein Österreicher, da er bereits volljährig war, als sein aus Solingen nach Linz zugewanderter Vater die österreichische Staatsbürgerschaft annahm). Weiters war problematisch, dass die NS-Amnestie von 1957 den Prozess der „Entnazifierung“ in Österreich praktisch beendet hatte, was in Israel kritisch gesehen wurde.

So heißt es in dem besagten Dokument: „Schon vor und auch während des ersten Aufenthalts in Israel gewonnene Eindruck bestätigt, dass die israelischen Behörden allen laufenden Kriegsverbrecherverfahren sowohl in Deutschland als auch in Österreich mit großer Aufmerksamkeit folgen und diese Prozesse sowohl durch Polizei und Justiz aber auch publizistisch und politisch ins Detail bearbeiten. […] Die Kommentare in der israelischen Presse über die Liquidierung des Kriegsverbrecherproblems in Österreich scheinen überwiegend negativ und voll offener und versteckter Vorwürfe. Die tatsächlich von den österr. Polizei- und Justizbehörden geleistete Arbeit, insbesondere aus der Zeit unmittelbar nach dem Kriege, wird verschwiegen, und da diese Tendenz trotz intensiver Aufklärungsarbeit sowohl seitens der österreichischen Botschaft als auch im speziellen Falle von der entsandten österr. Botschafterdelegation zum Eichmann-Prozess beibehalten wird, kann von einer Unwissenheit bzw. Unabsichtlichkeit kaum mehr die Rede sein. […] Wie bereits zu Beginn dieses Berichts erwähnt, dürfte diese Haltung gegenüber Österreich auch ein innenpolitisches haben. Es kann in Israel einem aufmerksamen Beobachter nicht verborgen bleiben, dass die Regierung nicht nur in Bezug auf die Einwanderung in das Land Schwierigkeiten hat, sondern auch beträchtliche Anstrengungen unternehmen muss, die nun einmal eingewanderten europäischen Juden davon zu überzeugen, dass ihr Platz in Israel und nicht anderswo wäre. […] So scheint es verständlich, dass in Israel jeder antisemitische Vorfall im Ausland (und mag er noch so geringfügig sein) in großer Aufmachung publiziert wird. […] Nach Zeitungsmeldungen in Israel soll Adolf Eichmann den Wunsch geäußert haben, dass nach seiner Justifzierung seine Leiche nach Österreich überführt und in Linz bestattet werden solle. Es wurde diesem Gerücht bereits an Ort und Stelle in Linz im Kreise der Familie Eichmanns nachgegangen und dabei festgestellt, dass Eichmann selbst bisher keinen wie immer gearteten derartigen Wunsch geäußert hat. Die Familie trage sich jedoch mit dem Gedanken, im Falle einer Justifizierung die Leiche Adolf Eichmanns einzufordern und in der Familiengruft in Linz beizusetzen“ [nach Eichmann Hinrichtung wurde die Leiche verbrannt und die Asche ins Meer verstreut].