Donnerstag, 4. Dezember 2014

„Die Spur der Bombe“ führt auch über Österreich: Neue Erkenntnisse zum Herrhausen-Attentat

Der Journalist Egmont R. Koch hat im Rahmen der ARD-Dokumentation „Die Spur der Bombe“ neue Hinweise dafür präsentiert, dass die RAF beim Anschlag auf den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, logistische Unterstützung erhielt. Am 30. November 1989 war Herrhausen bei der Explosion einer technisch hochkomplexen Sprengfalle tödlich verletzt worden. Es handelte sich um eine in einem Rohr gelagerte Treibladung, die per Lichtschranke gezündet wurde und in weniger als einer Tausendstelsekunde ein Kupferprojektil beschleunigte, das den gepanzerten Mercedes Herrhausens mit verheerender Wirkung durchschlug. Laut Koch spricht vieles dafür, dass die RAF die dafür notwendige Bombentechnologie von der im Libanon ansässigen „Volksbefreiungsfront für Palästina“ (PFLP) erhielt. In diesem Zusammenhang spielt auch Österreich eine Rolle: Denn im Jesuitenholz bei Hollabrunn (Niederösterreich) soll sich nicht nur ein Terroristen-Waffenlager befunden haben – zwei RAF-Mitglieder, die an dem Herrhausen-Anschlag beteiligt gewesen sein sollen, tauchten jahrelang in Wien unter.

Stelen markieren heute den Schauplatz des Herrhausen-Attentats in Bad Homburg (Quelle: Wikimedia Commons)
Das Netz des internationalen Terrorismus
Die PLFP hatte RAF-Mitglieder in den 1970er und 1980er Jahren nicht nur militärisch ausgebildet, sondern stand darüber hinaus mit zahlreichen Gruppen in Verbindung – so auch mit einer kleinen Zelle von sieben Linksextremisten in Dänemark. Diese „Blekingegade-Bande“ steht seit längerem in Verdacht, ein Relais für terroristische Aktionen der PLFP in Westeuropa gewesen zu sein. Konkret unternahmen die Dänen in den 1980er Jahren zahlreiche Banküberfälle im Kopenhagener Raum und ließen die erbeuteten Gelder sowie Waffen dem „antiimperialistischen“ Kampf der PLFP zukommen. Immer wieder erhielten sie Besuch von PLFP-Geheimdienstchef Marwan El-Fahoum, weshalb der dänische Geheimdienst PET zur Ansicht gelangte, die „Blekingegade-Bande“ sei eine Zelle der PLFP gewesen. Ihre Mitglieder stellen das bis heute in Abrede.

Ein Waffenlager im Jesuitenholz bei Hollabrunn?
Im Herbst 1982 beraubte die „Blekingegade-Bande“ ein Depot der schwedischen Armee in der Nähe der Kleinstadt Flen, südwestlich von Stockholm. Ein Teil der Beute – Waffen und Sprengstoff – wurde vier Jahre später nach einem Informanten-Tipp in einem Erdversteck im Wald von Fontainebleau bei Paris entdeckt. Es soll aber nicht das einzige geheime Lager gewesen sein. So fand die dänische Polizei 1989 in der Kopenhagener Basis der „Blekingegade-Bande“ unter anderem detaillierte Unterlagen mit Straßenkarten, Fotos und Wegbeschreibungen zu zwei weiteren Zielorten in der Schweiz und in Österreich. Letzteres Versteck soll sich im Jesuitenholz, einem Waldstück bei Hollabrunn 40 km nordwestlich von Wien, befunden haben. In Originalausgabe von „Belkingegadebanden“ (2008), einem Buch des Journalisten Peter Øvig Knudsen, heißt es: […] von da an geht es ostwärts weiter – bis zu einer Kreuzung mit einem großen Kruzifix, wo die Reise durch den Wald auf einem Wirtschaftsweg weitergeht. Von einem Wendepunkt mit einem Baum in der Mitte muss man 75 Meter in eine bestimmte Richtung von dem Baum messen und an diesem Punkt befindet sich eine große Kiefer inmitten von Laubholz.“ Eine Skizze enthielt genaue Angaben und Abmessungen, um das Versteck zu finden. Doch laut Knudsen suchte die Polizei vergebens nach vergrabenen Waffen: „Entweder wurden diese nie benutzt oder man hat die Waffen bereits abgeholt.“

Jedenfalls fehlt, wenn man die Waffen aus der Kopenhagener Wohnung zu jenen in dem französischen Versteck addiert, immer noch ein Großteil der Beute aus Flens: Sechs Raketen, 72 Handgranaten und 40 kg Sprengstoff. „Der Wald von Fontainebleau war nicht der einzige Ort, an dem wir Waffenlager einrichteten“, bestätigte daher ein Mitglied der „Blekingegade-Bande“ gegenüber Knudsen und fügte hinzu: „Von diesen Lagern aus sollten Freunde der PLFP die Waffen weitertransportieren, aber ich weiß nicht wirklich, ob sie je in Israel angekommen sind. In Zeiten, in denen es mir schlecht ging und ich nachts wach gelegen und über die ganze Sache nachgedacht habe, kam mir durchaus der Gedanke, dass diese Freunde die Waffen für ihre eigenen operativen Zwecke verwendet haben könnten – und vielleicht für Zwecke, die uns nicht unbedingt sympathisch wären.“ In einem 2013 veröffentlichten Interviewband gab ein weiteres Bandenmitglied zu, dass die PLFP zu dem Depot in Frankreich Zugang hatte: „Was mit den dort abgeholten Sachen passierte, das wissen wir nicht.“

RAF-Leute tauchen in Wien unter
Tatsächlich wurden Handgranaten, die in ursprünglich in Flens gestohlen worden waren, am 26. Dezember 1987 bei einem Anschlag auf eine von US-Soldaten frequentierte Disko in Barcelona verwendet. Kurze Zeit später, am 17. Juni 1988, wurden dieselben Handgranaten nach einem gescheiterten Attentat auf ein Hotel im spanischen Rota sichergestellt. Dort waren ebenfalls US-Militärs abgestiegen gewesen, doch ein Defekt verhinderte die Explosion.

Die Hintergründe dieser Anschlagsserie wurden aufgeklärt, als es am 15. September 1999 zu einem Schusswechsel in Wien kam. Der 43jährige RAF-Aktivist Horst Ludwig Meyer und seine Partner Andrea Klump waren in eine Polizeikontrolle gerieten. In den Monaten zuvor hatten sich die beiden fast täglich an Ecke Wagramer Straße/Schrickgasse in Wien-Donaustadt getroffen. Wegen ihres konspirativen Verhaltens sowie der auffälligen Tarnung mit Schirmkappen und Sonnenbrillen waren sie Anrainern aufgefallen, die wiederum die Polizei informierten. Als die Beamten schließlich eine Personenkontrolle durchführen wollten, zückte Meyer eine Beretta. Es kam zu einer kurzen Verfolgungsjagd einige Hundert Meter weiter in die Donaufelderstraße hinein. Dort wurde Meyer bei einem kurzen Schusswechsel tödlich in die Brust getroffen, Klump ließ sich widerstandslos festnehmen.

Es stellte sich heraus, dass die beiden seit 1995 in Wien mit einem ahnungslosen Studenten in einer Wohngemeinschaft gelebt hatten. Ihrem Mitbewohner gegenüber hatten sich als „Heidi Pieri“ bzw. als „Jens Jensen“ aus Dänemark ausgegeben. Entsprechende Pässe wurden sichergestellt – offenbar waren die beiden RAF-Leute von der dänischen Zelle logistisch unterstützt worden. Dazu passt auch, dass nach Meyers Tod in Kopenhagen ein Brandanschlag auf die österreichische Botschaft verübt wurde. Im Prozess vor einem deutschen Gericht räumte Klump schließlich ein, dass der Anschlag in Rota im Einvernehmen mit Marwan El-Fahoum durchgeführt wurde. Als eigentlichen Auftraggeber vermuten manche den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi.

Folgt man der Argumentation von Egmont R. Koch dann war die Beteiligung der beiden Deutschen eine Art Vorleistung für die kurze Zeit später erfolgte der PLFP beim Hilfe beim Anschlag auf Alfred Herrhausen. Auch wenn der Fall damit längst nicht abgeschlossen ist, so zeigt sich doch einmal mehr die komplexe internationale Verzahnung des Terrorismus – lange vor dem 11. September 2001.