Dienstag, 9. Dezember 2014

„Wien war ein Paradies“: Osthandel, Technologietransfer und das „Farewell-Dossier“

Es war einer der größten Coups des Westens im Kalten Krieg: Im Sommer 1981 übergab der französische Präsident Francois Mitterrand seinem US-amerikanischen Amtskollegen Ronald Reagan streng geheimes Material, das sogenannte „Farewell Dossier“. Dabei handelte sich um die „Shopping Liste“ des für Technologiespionage zuständigen „Direktorats T“ des KGB. Weiters enthüllt worden sein sollen die Namen von mehr als 200 im Westen stationierter Agenten der „Line X“, des operativen Arms des „Direktorats T“. Ursprünglich stammte das „Farewell Dossier“ von dem abtrünnigen KGB-Oberst Vladimir I. Vertov. Er hatte insgesamt 4.000 Dokumente abfotografiert und dem französischen Geheimdienst zugespielt. Der Verrat flog schließlich auf – Vertov wurde 1985 hingerichtet.

Das „Farewell Dossier“ öffnete ein Fenster in eine der wichtigsten Spionageaktivitäten der Ostgeheimdienste: Die illegale Beschaffung von Hochtechnologie. Schon ab Mitte der 1960er Jahre hatten die Sowjetunion und ihre Satelliten einsehen müssen, dass sie in diesem Bereich gefährlich hinterherhinkten. Gleichzeitig war der Zugang zu westlichen Technologien mit einem Embargo abgeschottet. Das 1949 gegründete Coordinating Committee for Multilateral Exports Controls (COCOM), dem alle NATO-Staaten sowie Japan und Australien angehörten, führte eine Liste von Gütern und Technologien, deren Export verboten war. Der Ostblock fand jedoch eine pragmatische Lösung: Wo es nicht möglich war, westliche Technologie und Know-how legal zu erwerben, wurde es eben von den Geheimdiensten beschafft. Auf diese Weise ersparte man sich nicht nur Milliarden an Entwicklungskosten, sondern konnte beispielsweise eigene Waffensysteme mit westlicher Mikrotechnologie – Mikrochips, Halbleitern, Computersteuerungen – aufrüsten.

Aus dem „Farewell Dossier“ ging erstmals hervor, wie umfangreich der Schmuggel zwischen West und Ost war. Vor allem aber gewannen die westlichen Dienste mittels der „Shopping Liste“ Einblick darin, auf welche Technologien und Produkten es die Sowjets abgesehen hatten. Innerhalb der CIA reifte daraufhin die Idee, manipulierte Soft- und Hardware einzuschleusen und so dem Beschaffungsprogramm von innen her Schaden zuzufügen. Ebenso fanden irreführende Ideen und Designs in Bezug auf Tarnung, Kriegsführung im All und neue Kampfflugzeuge den Weg in sowjetische Ministerin und Entscheidungszentren. Weiters wurde gezielt Desinformation über CIA-Tarnfirmen gestreut – verfälschte Entwürfe und technische Daten von Gas-Turbinen, Ölförderungs-Ausrüstung, Computer-Chips und chemischen Verbindungen. Der wirkungsvollste Sabotagefall war eine gewaltige Explosion im Urengoi-Gasfeld im Dezember 1983, nachdem ein „Trojaner“ in der Steuerungssoftware mit Verzögerung aktiv geworden war.

Konsequenzen des geheimdienstlichen Schattenkriegs rund um das „Farewell Dossier“ waren auch in Österreich zu spüren: Das neutrale Land war nämlich ein Zentrum des Osthandels. Im Unterschied zu den COCOM-Mitgliedstaaten war Österreich an keine internationalen Vereinbarungen gebunden und sah auch zunächst auch keine Veranlassung, sich an westliche Kontrollbedingungen zu halten. Im Gegenteil, die wirtschaftlichen Beziehungen mit den kommunistischen Staaten – die in den 1970er Jahren etwa 15 % des gesamten Außenhandelsvolumens ausmachten – wurden als wichtiger eingeschätzt als westliche Sicherheitsbedenken. Erst 1987 erzwangen die USA eine entsprechende Verschärfung der Außenhandelsbestimmungen.

Darüber wie der Technologietransfer von Wien aus konkret funktionierte und wie der lange Arm der CIA schließlich hineinspielte, kann am besten ein Betroffener Auskunft geben. Der Zeitzeuge war Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre ein versierter Osthändler und erklärte sich unter der Bedingung der Anonymität zum Interview bereit:

Welche Rolle spielte Wien im Osthandel?
Wien war großartig, es war ein Paradies. Im Prinzip galt ein Computer, der nach Österreich importiert wurde, als österreichische Ware. Dann ging es weiter per Flugzeug nach Moskau. Wien war ja neutral – unter Anführungszeichen. Wir hatten wunderbare Spediteure hier, die haben gut mitgeholfen und auch gut verdient daran. Es war immer nur die Diskussion, wie groß ist die Lukenöffnung des Flugzeugs, was kriegen wir da alles hinein. Das war die Kernfrage. Nach österreichischer Gesetzeslage war das alles legal. Das hat sich geändert, als Österreich von den USA unter der Federführung von Richard Perle unter Druck gesetzt wurde, das Import/Exportgesetz zu verschärfen – in Angleichung an die COCOM-Liste. Dann ist es für uns Embargohändler ein bisschen schwieriger geworden, aber auch nicht wirklich. Ich erinnere mich gut an den obskuren Spruch eines US-Zollfahnders „I don’t like the Russians, but I hate the Austrians!“

Die österreichischen Behörden haben da ein Auge zugedrückt?
Man zahlt nicht, bevor man weiß, was man wirklich kriegt. Das wichtigste bei den Lieferungen ist die Packliste, das ist das Herz des Embargogeschäfts. Damit kann man kontrollieren, wo ist was drinnen. Ein befreundeter Embargohändler hat einmal eine Lieferung von 80 Kartons erhalten. Wir haben zu zweit vier bis fünf Stunden lang in der Zollfreizone am Wiener Flughafen jedes Paket aufgemacht und auf den Inhalt kontrolliert. Der Zoll hat weg geschaut. Das wäre heute undenkbar, das gibt’s nicht mehr.

Wie ist so ein Geschäft beispielweise abgelaufen?
Der Kunde in Moskau sagt, wir hätten Interesse, ein bestimmtes Gerät zu kaufen, beispielsweise ein Gigahertz-Messgerät für Satellitenkommunikation. Solche Messgeräte sind extrem heikel, teuer und schwer zu bekommen. Da gabs keine Produktion in der Sowjetunion dafür. Da fahre ich nach Hause und fange an, anzurufen - wer kann das liefern. Wie kriegt man so etwas? Das schwierige ist ja das Kriegen, nicht das Verkaufen. Und da habe ich einen guten Bekannten gehabt, der hat jahrelang bei Siemens-Deutschland gearbeitet und kennt die dortigen Direktoren. Den habe ich angerufen und gesagt: Wir brauchen das, kannst du uns das besorgen, ist viel Geld für dich drin. Und der hat tatsächlich jemanden gefunden, bei Siemens-Südafrika. Siemens-Südafrika hat dann dieses Gerät angefordert bei Siemens-Deutschlandzentrale in München. Die wiederum haben es in den USA geordert und haben das Gerät sofort eine Ausfuhrgenehmigung bekommen, weil Siemens eben Siemens ist. Das kam dann nach München, von dort aus nach Johannesburg. Dort hat Direktor das ohne Vorfinanzierung in Empfang genommen. Ohne Anzahlung. Dann hat mein Freund gesagt, schickt mir das nach Zürich, ich hafte euch dafür. In Zürich habe ich die Ware dann inspiziert, übernommen und meinem Kontaktmann, dem Vermittler einen Bankscheck gegeben. Dann gings von Zürich weiter nach Wien, denn direkt nach Moskau wäre zu auffällig gewesen. Das ist alles ohne Zollschwindel oder Falschdeklaration gelaufen, es hätte uns nichts passieren können.

Es lief also viel über persönliche Kontakte?
Die persönlichen Kontakte waren ganz wichtig. Die baute man sich auf, wenn man viel in der Welt herumkam. Teure Hotelbars sind ein idealer Ort für so etwas. Geschäfte macht man nie im Büro, sondern in Bars und Nachtlokalen. Im Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München habe ich viele interessante Leute kennengelernt, auch uninteressante – die aber fürs Geschäft wichtig waren.

Wie war Moskau in den 1980er Jahren?
Es herrschte damals große Konkurrenz unter den Embargohändlern. Im Moskauer Hotel National haben sich alle die Klinke in die Hand gegeben. Da waren die Deutschen, die Österreicher, die Italiener mit Bauchladen sozusagen was sie verkaufen wollten an Hochtechnologie. Wir haben uns untereinander gut gekannt, haben gewusst, wer was macht. Ich selbst war jede zweite Woche in Moskau – es hat immer wieder Ausstellungen und Messen gegeben, für Industriegeräte, für Fahrzeuge, etc. Die Embargohändler hatten dann irgendwo in einer Halle im ersten Stock Kojen – vier mal fünf Meter ungefähr, mit einem Tisch und Sesseln – und dort ist über oft über Multimillionenverträge verhandelt worden. Und später am Abend haben sich die Händler an der Hotelbar wieder getroffen, und man hat zusammen angestoßen.

Hotel National, Moskau (Quelle: A. Savin/Wikimedia Commons)
Welche Maßnahmen haben die USA ergriffen?
Die Amerikaner waren schlampig: Denn das meiste was an Technologie rausgeht, befördert die Post – wir haben am New Yorker Hauptpostamt unzählige Pakete nach Wien aufgegeben. Dort ist das meiste rausgeflossen, das wurde erst relativ spät überwacht. Das zweite war: Händler erwischt man nur über den Geldfluss von Konto zu Konto. Wir haben von der russischen Bank in Zürich 20kgweise Dollar auf unsere Schweizer Bank getragen, in cash. Die Schweizer Banken haben damals mit Freuden cash genommen. Das ist heute alles nicht mehr möglich. 10.000 Dollar wurden da gebündelt und in Plastik versiegelt. Die russische Bank musste das vorher bei der Schweizer Zentralbank bestellen und abheben. Die haben das abgehoben und am Tisch gestapelt. Wir haben es in Reisetaschen eingepackt und sind damit über die Züricher Bahnhofstraße zu unserer eigenen Bank gegangen. Dort musste nichts nachgezählt werden, weil die Bündel ja noch von der Zentralbank versiegelt waren. Die hat das dann am nächsten Tag wieder zurückerhalten. Ohne Nachweis, woher das Geld kam.

Eingang zum Ausstellungs- und Messeglände, Moskau (Quelle: Wikimedia Commons)
Die CIA hat Anfang der 1980er Jahre Erkenntnisse aus dem „Farewell-Dossier“ erhalten – was waren die Folgen für Osthändler?
Die CIA hat nach dem Motto reagiert: „Wenn wir es schon nicht verhindern können, wollen wir doch die Kontrolle darüber haben, was geliefert wird und wohin. Und wir können auch selber liefern.“ Die CIA ist also etablierte Embargohändler angegangen und hat sie umgedreht – „wir machen es Euch leicht, Ihr kriegt was Ihr braucht zum amerikanischen Listenpreis. Dafür übernimmst Du die Lieferung und berichtest uns später, wie das angekommen ist.“ Ich bezweifle, dass das genauso abgelaufen ist, wie in den Büchern zum „Farewell-Dossier“ behauptet wird. Die einigermaßen qualifizierten Händler haben sich selbst dem Ostblock angedient, sind also nicht rekrutiert oder ausgesucht worden. Der KGB hätte es gar nicht notwendig gehabt.

Ich selbst war 1982/83 mit der Familie in Florida. Vorher hatte ich einen Anruf bekommen, dass es endlich so weit sei, dass bestimmte Geräte geliefert werden können. Im Hotel bin ich erwartet worden, von einem CIA und einem FBI-Beamten. Sie haben mir gesagt: „20 Jahre oder Du arbeitest für uns.“ Das ganze wurde mit Mikrophonen und Kameras überwacht, es gab keine Chance da rauszukommen. Also habe ich zunächst einmal, um einen Drink gebeten und dann zu verhandeln begonnen. Why not? Schauen wir uns die Sache an, wer weiß, was daraus wird? Daraufhin wurde ich von meinem zukünftigen Führungsoffizier begrüßt. Man hat mich in Boston eine ganze Woche lang verhört – mit Lügendetektor gleich zu Beginn. Als ich dann der allerersten Analytikerin, die aus Washington gekommen ist, die Vorgangsweise eines Embargohändlers erklärt habe, hat die einen Schreikrampf bekommen – das wäre alles so gar nicht möglich, etc. Die Dame wurde dann am nächsten Tag abgezogen. Da war auf amerikanischer Seite viel Unwissenheit da, wie Embargohandel abläuft.

Die US-Dienste haben den Technologietransfer manipuliert?
Ja, es war eine geniale Idee. Ich bin drauf gekommen durch die Lieferung eines Großcomputers. Der hat Feuer gefangen und ist teilweise innen abgebrannt. Nach diesem Vorfall habe ich mich zweimal einer Befragung durch den KGB unterwerfen müssen. Ich habe meinen russischen Geschäftspartner gesagt: Das kann nur sein, weil ihr ein so schlechtes Elektrizitätsnetz und verabsäumt habt, entsprechende Spannungsstabilitätsgeräte zu installieren. Am Nachhauseweg habe ich mir gedacht, das ist eine schwache Erklärung. Denn jeder Computer hat intern schon so einen Stabilisator eingebaut. Da ist in mir der Verdacht gereift, dass vom Lieferanten irgendetwas eingebaut worden ist – das nach einem halben Jahr, einem Dreivierteljahr aktiv geworden ist. Ich bin dann zu meinem amerikanischen Führungsoffizier gegangen und habe ihn zur Rede gestellt. Der hat eine Manipulation in Abrede gestellt, aber es kann sein, dass nicht einmal er davon wusste. Denn das Programm war extremer Geheimhaltung unterworfen und anfangs noch nicht einmal genehmigt. Nach diesem Vorfall war ich noch circa zwei Jahre im Embargohandel tätig. Mit der Zeit habe ich vermutet, dass meine Partnerin und Übersetzerin, vom KGB zu meiner Überwachung angeheuert worden ist. Zum ersten Mal hellhörig geworden bin ich, als sie nicht zum KGB-Verhör musste. Wobei ich das niemanden vorwerfe, im Spionagebusiness gilt: Vertraue niemandem, weder deinem Führungsoffizier und schon gar nicht deiner Ehefrau. Die meisten Spione sind geldgierig; jene, die ohne Bezahlung und aus Überzeugung verraten, sind Heilige.

Das Schlüsselerlebnis für mich war die Lieferung eines riesigen Computers, der damals mit allem Zubehör auf einen Lastenwagenzug gepasst hat. Das Gerät ist nicht in Betrieb genommen worden. Ich habe nach einem Jahr nachgefragt: Wie läuft er denn, braucht ihr Zubehör. Die Antwort war: Nein, der ist noch abgestellt, den haben wir noch gar nicht in Betrieb genommen. Offenbar hatte man die Ware unter Quarantäne gestellt – passiert etwas, passiert nix… Das habe ich rückgemeldet an meine amerikanischen Freunde und die haben gesagt: „Einmal noch höchstens geht’s Du hin, es ist gefährlich.“ Und es war tatsächlich gefährlich: 10 Jahre später habe ich erfahren, dass ich auf der Liste des CIA-Maulwurfs Aldrich Ames gestanden bin. Der hat bei der CIA-Abwehr gegen die Sowjetunion gearbeitet und hat laufend amerikanische Agenten, Russen oder anderer Nationalität, an den KGB verraten. Diese sind exekutiert – direkt ins Gesicht geschossen, um sie unkenntlich zu machen – und dann verscharrt worden. So jedenfalls ging das Gerücht. Ich bin ebenfalls auf Ames Liste gestanden. Da war ein Fenster von einer Woche, dass ich noch raus gekommen bin. Das habe erst 12 Jahre später erfahren.

Gab es sonst noch brenzlige Situationen?
Die Lieferung des bereits erwähnten Großcomputers war weit riskanter als erwartet. Er wurde mir auf einer Jumbo-Linienmaschine Boeing 747 nach Zagreb geliefert, von meinem Frächter auf einen luftgefederten Spezial-Lastwagenzug umgeladen und - von den jugoslawischen Zollbehörden beschlagnahmt. Der Frächter bekam seinen Spezial-Lastwagenzug frei, aber meine Ware blieb beschlagnahmt, Wert 3,5 Millionen Dollar. Aus Belgrad kam der oberste Chef der Zollbehörde. Normalerweise - ohne meinen potenten Lieferanten im Hintergrund - hätte ich mich für das oft erfolgreiche Instrument der Bestechung entschieden. Nach persönlichem Kennenlernen schied dieser Weg aus.

Zwei Umstände haben mich damals gerettet: Aus einem glücklichen Instinkt heraus hatte ich sämtliche Fakturen und Frachtbriefe auf meinen eigenen Namen lautend ausstellen lassen und konnte sie nun persönlich dem Zollchef vorweisen. Zu guter Letzt hatte ich US-Exportpapiere anstatt wie in der Embargo-Branche üblich mit einer anonymen Briefkastenfirma zu operieren. Meine Packliste war überperfekt: Für jedes Kollo gab’s nicht nur eine exakte technische Beschreibung sondern auch jeweils detaillierte Fotos des Inhalts. Das hatte ich mir vom Lieferanten als Dokumentation ausgebeten schon als Sicherung gegenüber dem Käufer. Die Beschlagnahme wurde aufgehoben.

Allerdings war ein luftgefederter Speziallaster nicht mehr verfügbar, also ging das heikle Gerät auf einem normalen Laster über die holprigen Straßen nach Moskau. Welche Transportschäden dabei allenfalls verursacht worden sind, wurde nie festgestellt, denn der Computer wurde ja nie in Betrieb genommen.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

„Die Spur der Bombe“ führt auch über Österreich: Neue Erkenntnisse zum Herrhausen-Attentat

Der Journalist Egmont R. Koch hat im Rahmen der ARD-Dokumentation „Die Spur der Bombe“ neue Hinweise dafür präsentiert, dass die RAF beim Anschlag auf den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, logistische Unterstützung erhielt. Am 30. November 1989 war Herrhausen bei der Explosion einer technisch hochkomplexen Sprengfalle tödlich verletzt worden. Es handelte sich um eine in einem Rohr gelagerte Treibladung, die per Lichtschranke gezündet wurde und in weniger als einer Tausendstelsekunde ein Kupferprojektil beschleunigte, das den gepanzerten Mercedes Herrhausens mit verheerender Wirkung durchschlug. Laut Koch spricht vieles dafür, dass die RAF die dafür notwendige Bombentechnologie von der im Libanon ansässigen „Volksbefreiungsfront für Palästina“ (PFLP) erhielt. In diesem Zusammenhang spielt auch Österreich eine Rolle: Denn im Jesuitenholz bei Hollabrunn (Niederösterreich) soll sich nicht nur ein Terroristen-Waffenlager befunden haben – zwei RAF-Mitglieder, die an dem Herrhausen-Anschlag beteiligt gewesen sein sollen, tauchten jahrelang in Wien unter.

Stelen markieren heute den Schauplatz des Herrhausen-Attentats in Bad Homburg (Quelle: Wikimedia Commons)
Das Netz des internationalen Terrorismus
Die PLFP hatte RAF-Mitglieder in den 1970er und 1980er Jahren nicht nur militärisch ausgebildet, sondern stand darüber hinaus mit zahlreichen Gruppen in Verbindung – so auch mit einer kleinen Zelle von sieben Linksextremisten in Dänemark. Diese „Blekingegade-Bande“ steht seit längerem in Verdacht, ein Relais für terroristische Aktionen der PLFP in Westeuropa gewesen zu sein. Konkret unternahmen die Dänen in den 1980er Jahren zahlreiche Banküberfälle im Kopenhagener Raum und ließen die erbeuteten Gelder sowie Waffen dem „antiimperialistischen“ Kampf der PLFP zukommen. Immer wieder erhielten sie Besuch von PLFP-Geheimdienstchef Marwan El-Fahoum, weshalb der dänische Geheimdienst PET zur Ansicht gelangte, die „Blekingegade-Bande“ sei eine Zelle der PLFP gewesen. Ihre Mitglieder stellen das bis heute in Abrede.

Ein Waffenlager im Jesuitenholz bei Hollabrunn?
Im Herbst 1982 beraubte die „Blekingegade-Bande“ ein Depot der schwedischen Armee in der Nähe der Kleinstadt Flen, südwestlich von Stockholm. Ein Teil der Beute – Waffen und Sprengstoff – wurde vier Jahre später nach einem Informanten-Tipp in einem Erdversteck im Wald von Fontainebleau bei Paris entdeckt. Es soll aber nicht das einzige geheime Lager gewesen sein. So fand die dänische Polizei 1989 in der Kopenhagener Basis der „Blekingegade-Bande“ unter anderem detaillierte Unterlagen mit Straßenkarten, Fotos und Wegbeschreibungen zu zwei weiteren Zielorten in der Schweiz und in Österreich. Letzteres Versteck soll sich im Jesuitenholz, einem Waldstück bei Hollabrunn 40 km nordwestlich von Wien, befunden haben. In Originalausgabe von „Belkingegadebanden“ (2008), einem Buch des Journalisten Peter Øvig Knudsen, heißt es: […] von da an geht es ostwärts weiter – bis zu einer Kreuzung mit einem großen Kruzifix, wo die Reise durch den Wald auf einem Wirtschaftsweg weitergeht. Von einem Wendepunkt mit einem Baum in der Mitte muss man 75 Meter in eine bestimmte Richtung von dem Baum messen und an diesem Punkt befindet sich eine große Kiefer inmitten von Laubholz.“ Eine Skizze enthielt genaue Angaben und Abmessungen, um das Versteck zu finden. Doch laut Knudsen suchte die Polizei vergebens nach vergrabenen Waffen: „Entweder wurden diese nie benutzt oder man hat die Waffen bereits abgeholt.“

Jedenfalls fehlt, wenn man die Waffen aus der Kopenhagener Wohnung zu jenen in dem französischen Versteck addiert, immer noch ein Großteil der Beute aus Flens: Sechs Raketen, 72 Handgranaten und 40 kg Sprengstoff. „Der Wald von Fontainebleau war nicht der einzige Ort, an dem wir Waffenlager einrichteten“, bestätigte daher ein Mitglied der „Blekingegade-Bande“ gegenüber Knudsen und fügte hinzu: „Von diesen Lagern aus sollten Freunde der PLFP die Waffen weitertransportieren, aber ich weiß nicht wirklich, ob sie je in Israel angekommen sind. In Zeiten, in denen es mir schlecht ging und ich nachts wach gelegen und über die ganze Sache nachgedacht habe, kam mir durchaus der Gedanke, dass diese Freunde die Waffen für ihre eigenen operativen Zwecke verwendet haben könnten – und vielleicht für Zwecke, die uns nicht unbedingt sympathisch wären.“ In einem 2013 veröffentlichten Interviewband gab ein weiteres Bandenmitglied zu, dass die PLFP zu dem Depot in Frankreich Zugang hatte: „Was mit den dort abgeholten Sachen passierte, das wissen wir nicht.“

RAF-Leute tauchen in Wien unter
Tatsächlich wurden Handgranaten, die in ursprünglich in Flens gestohlen worden waren, am 26. Dezember 1987 bei einem Anschlag auf eine von US-Soldaten frequentierte Disko in Barcelona verwendet. Kurze Zeit später, am 17. Juni 1988, wurden dieselben Handgranaten nach einem gescheiterten Attentat auf ein Hotel im spanischen Rota sichergestellt. Dort waren ebenfalls US-Militärs abgestiegen gewesen, doch ein Defekt verhinderte die Explosion.

Die Hintergründe dieser Anschlagsserie wurden aufgeklärt, als es am 15. September 1999 zu einem Schusswechsel in Wien kam. Der 43jährige RAF-Aktivist Horst Ludwig Meyer und seine Partner Andrea Klump waren in eine Polizeikontrolle gerieten. In den Monaten zuvor hatten sich die beiden fast täglich an Ecke Wagramer Straße/Schrickgasse in Wien-Donaustadt getroffen. Wegen ihres konspirativen Verhaltens sowie der auffälligen Tarnung mit Schirmkappen und Sonnenbrillen waren sie Anrainern aufgefallen, die wiederum die Polizei informierten. Als die Beamten schließlich eine Personenkontrolle durchführen wollten, zückte Meyer eine Beretta. Es kam zu einer kurzen Verfolgungsjagd einige Hundert Meter weiter in die Donaufelderstraße hinein. Dort wurde Meyer bei einem kurzen Schusswechsel tödlich in die Brust getroffen, Klump ließ sich widerstandslos festnehmen.

Es stellte sich heraus, dass die beiden seit 1995 in Wien mit einem ahnungslosen Studenten in einer Wohngemeinschaft gelebt hatten. Ihrem Mitbewohner gegenüber hatten sich als „Heidi Pieri“ bzw. als „Jens Jensen“ aus Dänemark ausgegeben. Entsprechende Pässe wurden sichergestellt – offenbar waren die beiden RAF-Leute von der dänischen Zelle logistisch unterstützt worden. Dazu passt auch, dass nach Meyers Tod in Kopenhagen ein Brandanschlag auf die österreichische Botschaft verübt wurde. Im Prozess vor einem deutschen Gericht räumte Klump schließlich ein, dass der Anschlag in Rota im Einvernehmen mit Marwan El-Fahoum durchgeführt wurde. Als eigentlichen Auftraggeber vermuten manche den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi.

Folgt man der Argumentation von Egmont R. Koch dann war die Beteiligung der beiden Deutschen eine Art Vorleistung für die kurze Zeit später erfolgte der PLFP beim Hilfe beim Anschlag auf Alfred Herrhausen. Auch wenn der Fall damit längst nicht abgeschlossen ist, so zeigt sich doch einmal mehr die komplexe internationale Verzahnung des Terrorismus – lange vor dem 11. September 2001.