Samstag, 3. Januar 2015

„Fortsetzung der Judenvernichtung“

Vor etwas mehr als 50 Jahren rüsteten NS-Raketenforscher Ägypten auf und gerieten ins Fadenkreuz des Mossad. Eine Schlüsselrolle spielte dabei ein Österreicher.

Wien, Ende Oktober 1962: In der israelischen Botschaft wird ein Unbekannter vorstellig. Er will sofort mit einem hochrangigen Diplomaten sprechen: „Mein Name ist Otto J. und ich kann ihnen Informationen über die Arbeit geben, die ich für ägyptische Militärprojekte gemacht habe.“ Was J. dann erzählt, wird Schockwellen rund um den Globus aussenden. Eine teuflische Verschwörung sei im Gange, um Israel auszulöschen: Schon bald befände sich Tel Aviv in Reichweite ägyptischer Mittelstreckenraketen, deren Gefechtsköpfe mit radioaktivem Abfall gefüllt seien. J. Angaben bestätigen die schlimmsten Befürchtungen des Mossad. Der israelische Geheimdienst verfolgt das Rüstungsprogramm des ägyptischen Präsidenten Nasser seit längerem mit Besorgnis. Denn es wird von deutschen und österreichischen Wissenschaftler und Technikern vorangetrieben, die schon für das Dritte Reich gearbeitet haben. Offenbar soll nun im Verbund mit Nasser die „Endlösung“ verwirklicht werden. J. ist dafür nicht nur Kronzeuge – er nimmt auch selbst an der darauffolgenden Sabotagekampagne des Mossad teil. Zu spät wird sich herausstellen, dass J. vor allem eines ist: Ein Blender. Mehr als 50 Jahre später ist dieser rätselhafte „Schattenmann“ in Vergessenheit geraten. Seine Geschichte lässt sich auf Basis unveröffentlichter Dossiers der Staatspolizei, vertraulichen diplomatischen Depeschen und Unterlagen aus dem Nachlass Simon Wiesenthals rekonstruieren.

Selbst sein Geburtsjahr war umstritten: Otto J. gab 1921 an, andere datierten rund 10 Jahre früher. Ursprünglich stammte er aus Mährisch-Ostrau im heutigen Tschechien. 1946 aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen, war J. zunächst nach Wien und dann nach Salzburg gekommen, wo er als Dolmetscher bei der alliierten Militärpolizei arbeitete. Zwischenzeitlich nach Oberösterreich übersiedelt, wurde J. auch politisch tätig – für den Verband der Unabhängigen (VdU), die politische Vertretung der ehemaligen Nazis. Ab 1. Juli 1949 war J.  Wahlkreisorganisationsleiter für das Hausruckviertel und einen Monat später oberösterreichischer Landessekretär. Dort hielt es ihn nicht lange. Bezeichnenderweise wechselte J. von ganz rechts nach Linksaußen: Er dockte bei der kommunistischen „Nationalen Liga“ an und traf sich mit Offizieren der sowjetischen Besatzungsmacht. Unter dem Pseudonym „Reinhard“ schrieb J. Artikel für die „Linkspresse“, stellte die Staatspolizei fest. Sein Talent als Informationshändler zeigte sich schon damals: Noch als VdU-Funktionär soll er der KPÖ einen Bericht zugespielt haben, wie man die „Ehemaligen“ am besten unterwandern könne.

Anfang der 1950er Jahre begann eine Phase undurchschaubarer Geschäftsaktivitäten auf internationaler Ebene: In Deutschland war J. unter anderem Mitgesellschafter der „Nord-West-Chemie“, die nicht einmal im Handelsregister eingetragen war. Dann war er für die „Transcontinental Atomic Company“, die nur als Postfach in Liechtenstein existierte. Über einen Mittelsmann bot J. auch ein Bestrahlungsgerät namens „Cobaltron 2000“, das jedoch nur als Holzmodell existierte. Seine Pfade waren so undurchsichtig, dass nicht einmal die Staatspolizei den genaue Verbleib J. 1952-1962 rekonstruieren konnte: „Aus verschiedenen Berichten ist ersichtlich, dass er sich während dieser Zeit in der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz, Frankreich, Holland, Italien und in der Vereinigten Arabischen Republik (Ägypten) aufgehalten hat.“

J. beeindruckte zudem mit als einem überbordenden wissenschaftlichen Lebenslauf: Angeblich gingen „5 Bücher und ca. 80 wissenschaftliche Veröffentlichungen“ auf sein Konto. „J. behauptet, in Prag, Wien, Brünn, Riga, Breslau, Chicago und Amsterdam studiert zu haben. Vor österreichischen Behörden bezeichnet er sich fallweise als Dr. rer. pol. oder Jurist. Es konnte bisher nicht ermittelt werden, ob J. jemals promovierte“, fand die Staatspolizei heraus. Ebenso sei die tatsächliche Mitgliedschaft bei mehreren wissenschaftlichen Institutionen aus den entsprechenden Verzeichnissen „nicht ersichtlich“. Trotzdem verstand es J. gut zu leben: „Stets elegant gekleidet, meist eine dunkle Brille tragend, fast immer mit einem teuren Wagen versehen, und niemand weiß, woher das Geld dazu kam“, berichtete damals der „Kurier“.

Im März 1962 sollte J. ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlagen: Er folgte einem lukrativen Jobangebot nach Ägypten. Dort herrschte sei 1952 Gamal Nasser, der sein Land zur unangefochtenen Führungsmacht der arabischen Welt machen wollte. Das dafür notwendige „Know How“ holte er sich aus dem Ausland. Unter den Experten, die kamen, befanden sich zahllose braune Kameraden: Ähnlich wie Argentinien oder Franco-Spanien war das Land am Nil ein regelrechter „Schutzhafen“ für Ex-Nazis (siehe Kasten). Die engen Bande waren schon Jahrzehnte zuvor geknüpft worden: Nasser selbst hatte während des Zweiten Weltkriegs an der Seite von Nazideutschland gegen die Briten gekämpft. Über das antikoloniale Element hinaus bildete auch Antisemitismus eine Klammer, der diese ungleichen Partner zusammenhielt. Schon 1950 hatten Ex-General Wilhelm Fahrmbacher eine 67 Mann starke Gruppe ehemaliger Wehrmachtoffiziere nach Kairo geführt. Die CIA wiederum vermittelte 1953 die Dienste von Hitlers legendären Kommandoführer Otto Skorzeny. Im Sommer 1958 erschienen dann Inserate in deutschen und österreichischen Zeitungen: Gesucht wurden Wissenschaftler und Techniker für das ehrgeizige Luftfahrt- und Rüstungsprogramm Ägyptens.
Gamal Abdel Nasser (1918-1970, Quelle: Wikimedia Commons)
Über zwei Tarnfirmen in der Schweiz wurden bis zu 600 Fachkräfte rekrutiert. Eingesetzt wurde die überwiegende Mehrzahl in zwei Militärfabriken bei Heluan, 30 Kilometer südlich von Kairo. Dort arbeitete man gemeinsam mit einigen Tausend ägyptischer Hilfskräften an der Entwicklung zweier überschallschneller Düsenjäger. Die Leitung hatte seit 1960 ein gebürtiger Wiener: Ferdinand Brandner, ab 1932 illegales NSDAP-Mitglied und SA-Obersturmführer. Nach eigener Aussage „Idealist und Fanatiker der Technik“, hatte er im 2. Weltkrieg bei Junkers den damals stärksten Jagdflugzeugmotor mitentwickelt – weshalb ihn die Sowjetunion ab 1947 für sechs Jahre zwangsverpflichtete. Nach der Heimkehr konnte Brandner nicht wirklich Fuß fassen: Eben technischer Direktors der neugeschaffenen AUA geworden, erreichte ihn das Angebot aus Kairo. Brandner wurde dadurch zum Millionär. Aber auch österreichische Unternehmen profitierten: Neben deutschen Firmen wurden sie aufgrund einer Klausel im Brandner-Vertrag bei Materiallieferungen bevorzugt – wie etwa die verstaatlichten Böhler-Werke. Bei der Auswahl seiner Mitarbeiter war Brandner nicht pingelig: „Ich habe dieses Team persönlich aus dreißig Lebensjahren ausgesucht und natürlich waren die Leute vielleicht in der Partei gewesen. Ich habe nie danach gefragt.“
HA 300- Kampfjet (Quelle: Wikimedia Commons)
Während Brandners Prestigeprojekt, für den Kampfjet HA 300 ein „arabisches Triebwerk“ zu entwickeln, nur schleppend vorankam, wurde in der Militärfabrik 333 an zwei Raketentypen gefeilt: Der „El-Kahir“ mit einer Reichweite von 560 Kilometern und der „El-Safir“ mit einer Reichweite von 280 Kilometern. 20 deutsche Forscher, von denen einige schon am V2-Raketenprogramm des Dritten Reichs in Pennemünde mitgewirkt hatten, kontrollierten die Arbeit der Ägypter und halfen, wo es notwendig war. Schon am 23. Juli 1962 paradierten je zehn „Safir“- und „Kahir“-Raketen durch die Straßen Kairos. „Der Aktionsradius der Raketen“, drohte Nasser unverhüllt, „reicht gerade bis südlich von Beirut“ – wo sich Israel erstreckt. Dort war man mehr als besorgt, vor allem die Rolle der „Experten“ traf einen Nerv. So appellierte Außenministerin Frau Golda Meir 1963 vor Knesseth: „Die deutsche Regierung kann nicht untätig bleiben, wenn 18 Jahre nach dem Sturz des Hitler-Regimes, das Millionen von Juden vernichtete, wieder einmal Angehörige dieses Volkes für Handlungen verantwortlich sind, die der Zerstörung des Staates Israel dienen.“ In Bonn war die Regierung von Kanzler Adenauer über das Problem verlegen. Aber man sah „keine rechtliche Handhabe, deutsche Staatsangehörige zu hindern, Privatverträge mit ausländischen Firmen oder privaten Stellen einzugehen“.

Auch Österreich konnte sich nicht länger aus der Affäre ziehen: Noch 1964 freute sich der damalige Außenminister Bruno Kreisky, dass so viele Landsleute einen Beitrag zum „friedlichen Aufbau“ in Ägypten leisteten. Unter den Zuhörern des Botschaftsempfangs in Kairo befand sich auch Brandner. Das sorgte in Israel für gehörige Irritation. Golda Meir bestellte den österreichischen Geschäftsträger ein. Die Berichte, wonach etwa 350 Österreicher, „vor allem Steirer“, in leitenden Stellungen in Heluan arbeiteten, hatten sie aufgeschreckt: Die Außenministerin vertrat „hart“ den Standpunkt, dass es dabei „nur um eine Mitarbeit in der ägyptischen Aufrüstung, die sich gegen Israel, richte handeln könne“. Ende September 1964 erhöhte Vize-Verteidigungsminister Shimon Peres den Druck und forderte öffentlich: Bonn und Wien sollten die Experten „abberufen“. Kreisky versuchte zu kalmieren: „Die Hilfe in der Flugzeugindustrie steht nicht in Verbindung mit Vernichtungswaffen.“ Man werde versuchen, die Experten zur Heimkehr zu ermuntern, „weil auch Österreich selbst Wissenschaftler benötigt“. Es bestünde aber keine Möglichkeit, irgendjemand zur Aufgabe zu zwingen. Auch die Neutralität stellte kein Hindernis dar – weil diese „nur den Staat, nicht aber die Staatsbürger binde“, wie der Botschafter in Tel Aviv aufklärte.
Außenminister Bruno Kreisky (li.) mit UN-Generalsekretär Uthant 1962 (Quelle: Wikimedia Commons) 
Hinter verschlossenen Türen diskutierte der Ministerrat 1965 die Angelegenheit: „1. Zwei Österreicher [Brandner und der ehemalige Leiter der Andritzer Maschinenbau Hans Schönbaumsfeld] leiten je eine Fabrik für die Entwicklung und Produktion von Militärdüsenflugzeugen bzw. von Motoren hiefür. Neben diesen seien ungefähr 15 andere österreichische Ingenieure und ungefähr 35 Techniker beschäftigt, von denen einige namentlich angeführt werden. 2. Vier weitere namentlich angeführte Österreicher seien in der Raketenproduktion beschäftigt. […] 3. Ein nicht ständig in Ägypten ansässiger österreichischer Wissenschaftler sei dort für die Produktion von Dieselmotoren verantwortlich. 4. Schließlich wurden neun österreichische Firmen als ‚Hauptlieferanten der ägyptischen Kriegsindustrie‘ mit Maschinen und Material angeführt.“ Kreisky gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich „einige“ der Wissenschaftler „sich nach und nach zurückziehen werden“. Nachsatz: „Es wäre noch leichter, wenn die österreichische Steuergesetzgebung so wäre, dass sie das Geld nach Österreich bringen; da würden sie sich wieder in die heimatlichen Berge zurückziehen.“

In der Zwischenzeit hatte sich der Konflikt rund um die Raketenforscher gefährlich zugespitzt – eine Schlüsselrolle spielte dabei ausgerechnet Otto J. Wie bereits erwähnt, war er 1962 nach Ägypten gekommen. Laut dem deutschen Autor Egmont Koch hatte er selbst seine Dienste angeboten, wegen seiner angeblichen Expertise in Sachen Strahlentechnik und Radiologie. Auch der Staatspolizei waren schon 1958 Kontakte J. zu Beamten der ägyptischen Botschaft in Bern aufgefallen. Doch J. blieb nur knapp vier Monate am Nil. Zurück in Wien bot er sein Insiderwissen dem Mossad an – laut eigner Darstellung aus schlechtem Gewissen: Ihm sei klar geworden, „das es sich bei dem ganzen Unternehmen nur um eine Fortsetzung der Judenvernichtung“ handle. J. gab an, in Westdeutschland, England und Kanada radioaktives Material, vor allem Kobalt und Strontium, besorgt zu haben. Damit sollten dann die Gefechtsköpfe der Raketen befüllt werden, um tödliche Wolken über Israel zu verteilen. Für Mossad-Chef Isser Harel war damit eine lebensgefährliche Bedrohung Israels erwiesen, die umgehendes Handeln erforderte.

Zu diesem Zeitpunkt war Operation „Damokles“ bereits im Gange: Zuerst hatte man noch versucht, die Rüstungsforscher mit Drohungen zum Gehen zu bewegen. Als das nichts nutze, wurde zu härteren Maßnahmen gegriffen: Am 11. September 1962 verschwand Heinz Krug für immer spurlos aus München – der Geschäftsführer der Intra-Handelsgesellschaft hatte Ägypten mit Material für den Raketenbau versorgt. Ende November 1962 wurde die Sekretärin des Raktetenforschers Wolfgang Pilz durch einen Sprengstoff-Brief schwer verletzt. Nur einen Tag später tötete die Explosion einer weiteren Paketbombe fünf ägyptische Arbeiter im Werk von Heluan. Am 20. Februar 1963 entkam der Elektronik-Spezialist Hans Kleinwächter einem Schussattentat.

Den schwersten Fehlschlag musste Operation „Damokles“ aber am 2. März 1963 einstecken: Zwei Agenten hatten an diesem Tag die beiden Kinder des Raketenfachmannes Paul Goercke zu einer Unterredung ins Hotel „Drei Könige“ in Basel bestellt – Heidi und Rainer sollten ihren Vater zur Rückkehr nach Deutschland bewegen: „Kommt er nicht, wird er getötet.“ Das Gespräch wurde abgehört und die beiden Männer wurden verhaftet. Es handelte sich um den Joseph Ben-Gal, angeblich Mitarbeiter des israelischen Unterrichtsministeriums und niemand geringerer als Otto J.. Wegen versuchter Nötigung vor Gericht gestellt, erklärte dieser: „Ich habe Prof. Goercke von meiner Tätigkeit in Ägypten her gekannt. Ich wusste, dass er schon längst aus Ägypten fort wollte. Mein Gespräch mit seiner Tochter diente dazu, seine Rückkehr zu arrangieren und seine Zukunft finanziell zu sichern.“ J. kam mit einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten glimpflich davon. Bis heute ist umstritten, ob er vom Informanten zum Spion geworden war. „Ich fühle mich allerdings nicht beleidigt, wenn man mich als israelischen Agenten bezeichnen würde“, hieß es von J. kryptisch. Mit der Spionagekarriere war es ohnedies vorbei, denn J. Glaubwürdigkeit war brüchig geworden. Der mit dem Mossad konkurrierende Militärgeheimdienst Aman war zum Schluss gekommen, J. sei ein „Betrüger“ und „Scharlatan“ – es gebe keinerlei Beweise dafür, dass die Ägypter versuchten, Massenvernichtungswaffen herzustellen. Und die von J. beschriebenen teuflischen Programme seien so nicht realisierbar. Mossad-Chef Harel musste seinen Sessel räumen.
Isser Harel (Quelle: Wikimedia Commons)
Tatsächlich war das Raketenprogramm nie eine so eminente Bedrohung gewesen, wie von Harel angenommen. So erfuhr der österreichische Botschafter in Kairo 1965, „dass den ägyptischen Raketen noch die Steuerungseinrichtung fehle, was den weitaus am schwierigsten herzustellenden Teil dieser Waffe ausmache.“ Wie brisant diese Information war, lässt sich daraus ablesen, dass der Diplomat ersuchte, seinen Bericht „nicht zu zirkulieren“, weil es sonst für seine Gewährsleute „gefährlich“ werden könnte. Das Rüstungsprogramm befand zu diesem Zeitpunkt bereits in ernsten Schwierigkeiten: Etliche deutsche Experten würden daran denken, „ihre Familien nach Deutschland rückübersiedeln zu lassen, wobei dies auf unauffällige Weise anlässlich der Sommerurlaube geschehen dürfte.“ Für den Niedergang war nicht so sehr die Sabotage durch den Mossad verantwortlich. Vielmehr hatte das Entwicklungsland Ägypten nie die notwendige industrielle Basis. Ebenso gravierend wirkten sich technische und personelle Mängel sowie Budgetüberschreitungen aus. Im Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten 1967 spielten die Raketen keinerlei Rolle – der beste Nachweis dafür, dass das Programm ein totaler Fehlschlag war. Flugzeugentwickler Brandner stemmte sich am längsten gegen das Aufgeben: Aber 1969 wurde er kurzfristig von der Auflösung der Werke unterricht. Brandner war danach noch in China Gastprofessor für Triebwerksbau und starb 1986 in Salzburg.

Und Otto J.? Er machte 1971 noch einmal die Behörden auf sich aufmerksam: Als mutmaßlicher Technologieschmuggler. Und zwar hatte er zuvor embargogesperrte „Laserwaren“ aus den USA bezogen – unter der Versicherung, diese seien für den Verbleib in Österreich bestimmt. Stattdessen ließ er sie durch ein Wiener Speditionsunternehmen an eine Moskauer Firma versenden. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt, genauso wie ein weiteres wegen Devisenvergehen. Danach verlief sein Leben in respektableren Bahnen: 1996 erhielt J. das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse – „für seine langjährige humanitäre Tätigkeit für die UNIDO als Entwicklungsberater, insbesondere durch die Zurverfügungstellung von Trinkwasseraufbereitungsanlagen für die österreichische Caritas und durch die großzügige Beschaffung von Medikamenten für Krisengebiete.“

Wie sich die Geschichte wiederholt: Am 5. Februar 2003 klagte US-Außenminister Colin Powell vor der UNO den irakischen Diktator Saddam Hussein an: Dieser würde über ein Arsenal von Massenvernichtungswaffen verfügen. Die „soliden“ Beweise, die Powell ins Feld führte, stammten von einem Informanten mit dem Decknamen „Curveball“. Dieser wollte in den 1990er Jahren an der Entwicklung von Biowaffen beteiligt gewesen sein. Nach Ende des Irakkrieges stellt sich dann endgültig heraus, dass der Iraker alles erfunden hatte…

Hintergrund: Nazis am Nil
Am 7. Juni 1967 lud Simon Wiesenthal zu einer vielbeachteten Pressekonferenz. Während gerade der Sechs-Tage-Krieg tobte, informierte er über „flüchtige Naziverbrecher im Nahen Osten“: Diese würden nun eine Chance sehen, „das vor über zwanzig Jahren unterbrochene Werk der Vernichtung des Judentums mit Hilfe der Regierungen arabischer Länder fortzusetzen.“ Vor allem in Ägypten sei eine Raketenproduktion begonnen worden, „die gegen Israel gerichtet ist“. Wiesenthal klagte in diesem Zusammenhang die Untätigkeit heimischer Stellen an: „Österreich hat bisher diese seine Staatsbürger nicht daran erinnert, dass sie Bürger eines neutralen Staates sind und dass fremder Staatsdienst den Verlust der österreichischen Staatsbürgerschaft zur Folge haben kann.“ Anschließend präsentierte Wiesenthal eine Liste von 29 Namen prominenter Nazis, die sich in Ägypten und Syrien aufhielten. Darunter befanden sich beispielsweise:

Alois Brunner: Der „Deportationsspezialist“ rühmte sich damit, Wien „judenfrei“ gemacht zu haben. Im Gefolge von Otto Skorzeny leitete er Aufbauhilfe für den ägyptischen Geheimdienst. Später fand er in Syrien Unterschlupf wurde dort bis zu seinem mutmaßlichen Tod protegiert.

Aribert Heim: Der SS-Arzt, auch als „Dr. Tod“ und „Schlächter von Mauthausen“ bezeichnet, floh 1962 nach Kairo, wo er 1992 als „Tarek Hussein Farid“ verstarb.

Hans Eisele: Der SS-Arzt in den Konzentrationslagern Mauthausen und Buchenwald floh 1958 vor einer Verurteilung nach Ägypten, wo er dann als beratender Arzt der deutschen Techniker fungierte. Eisele entging knapp einem Paketbombenanschlag und starb 1967.

Johann von Leers: Der enge Mitarbeiter von Joseph Goebbels und SS-Sturmbannführer nannte sich „Amin Omar von Leers“. In Kairo arbeitete er im antiisraelischen Propagandaapparat.

Siehe dazu auch:
Petra Stuiber, Gute Geschäfte mit Israels Feinden, in: Der Standard, 3. 1. 2015

Thomas Riegler, Agenten, Wissenschaftler und "Todesstrahlen". Zur Rolle österreichischer Akteure in Nassers Rüstungsprogramm (1958-1969), in: Journal for Intelligence and Propaganda Studies, Vol. 8, No. 2/2014, URL:
https://www.academia.edu/9987734/Agenten_Wissenschaftler_und_Todesstrahlen_Zur_Rolle_%C3%B6sterreichischer_Akteure_in_Nassers_R%C3%BCstungsprogramm_1958-1969_